Was macht unser Streit mit den Kindern?
„Wir streiten viel. Und ich habe Angst, dass unsere Kinder darunter leiden.“
Diesen Satz höre ich in meiner Praxis immer wieder. Streit in der Partnerschaft und die Sorge, dass der Streit den Kindern schaden könnte, gehören zu den häufigsten Gründen, warum Paare in meiner Paartherapie für Eltern anmelden.
Viele Eltern wissen, dass Konflikte zu einer Partnerschaft dazugehören. Und gleichzeitig meldet sich die Sorge: Was machen wir da eigentlich mit unseren Kindern? Wie viel Streit ist zu viel? Was bleibt bei ihnen hängen?
Die kurze Antwort lautet: Kinder müssen nicht in einer Familie ganz ohne Streit aufwachsen. Das ist ohnehin nicht möglich. Entscheidend ist vielmehr, was Eltern tun, wenn sie in einen bedauerlichen Streit geraten – und wie sie danach wieder zueinanderfinden.
Denn Kinder erleben nicht nur den Streit. Sie erleben auch das Klima davor und danach mit – und das ist entscheidend.
Eine wichtige Unterscheidung für Paare: Konflikt ist nicht gleich Streit
Viele Eltern spüren, wenn ihr Verhalten in Konfliktsituationen ihrer Beziehung nicht guttut – und sie spüren, wenn Streit ein Klima schafft, in dem sich die Kinder unwohl fühlen. Auch die familien- und entwicklungspsychologische Forschung sagt: Ein friedvolles Familienklima ist eine der wichtigsten Grundlagen für eine gesunde Entwicklung der Kinder.
Allerdings passiert uns manchmal eine Verwechslung: Ein „friedvolles Familienklima“ bedeutet nicht, dass es keine Konflikte gibt.
In jeder Familie gibt es Konflikte. Dies ist gar nicht anders möglich. Denn als Familie leben wir auf engem Raum zusammen und jeder Mensch, ganz gleich wie jung oder alt, hat eigene Merkmale, Bedürfnisse und Wünsche. Und so treffen eben manchmal auch Unterschiede aufeinander, die sich nicht unter einen Hut bringen lassen.
Besonders deutlich wird das in der Paarbeziehung. Wir wünschen uns von unserem Partner oder unserer Partnerin etwas, das für uns von Bedeutung ist: Nähe, Zuwendung, Verlässlichkeit, Freiraum, Anerkennung oder das Gefühl, wichtig zu sein. Und genau dort, wo uns etwas besonders wichtig ist, können wir auch besonders verletzlich sein.
Nehmen wir das Bedürfnis nach Nähe. Für den einen kann sich das Bedürfnis nach Nähe darin zeigen, dass er oder sie mehr gemeinsame Zeit, Zuwendung oder ein Zeichen von Verbundenheit sucht. Der andere braucht vielleicht gerade etwas Abstand, Ruhe oder Zeit für sich.
Dann passiert manchmal etwas, das viele Paare kennen: Einer geht auf den anderen zu, der andere geht zurück. Einer wird lauter, der andere stiller. Einer fordert, der andere macht zu. Und je mehr der eine versucht, den anderen zu erreichen, desto stärker zieht sich der andere vielleicht zurück. Je mehr sich der eine zurückzieht, desto verzweifelter versucht der andere, eine Reaktion zu bekommen.
So entsteht ein Kreislauf aus Annäherung und Rückzug – und genau diesen Kreislauf erleben Paare häufig als ihren Streit.
Nicht der Konflikt selbst ist entscheidend, sondern was zwischen uns geschieht, wenn der Konflikt etwas in uns auslöst – und wie wir damit umgehen.
Konflikte zeigen: es gibt verschiedene Bedürfnisse
Konflikte sind also ein normaler Bestandteil des Zusammenlebens.
Eine Möglichkeit, mit Konflikten als Paar umzugehen, ist, sie beiseite zu schieben. Das ist zunächst weder gut noch schlecht – wir alle tun das hin und wieder. Manchmal fehlt die Kraft, einen Konflikt anzuschauen. Gerade Eltern, insbesondere mit kleinen Kindern, leben häufig mit knappen Ressourcen: Zeit, Energie und Schlaf sind begrenzt. Kurzfristig kann es deshalb sinnvoll sein, einen Konflikt zu vertagen.
Schwierig kann es werden, wenn wir wichtigen Bedürfnissen und Gefühlen dauerhaft keinen Raum geben. Was wir immer wieder zurückhalten, kann mit der Zeit an Bedeutung gewinnen. Vielleicht werden wir gereizter, dünnhäutiger oder ziehen uns immer mehr zurück. Vielleicht merken wir auch körperlich, dass etwas nicht stimmt – wir schlafen schlechter, sind angespannt oder fühlen uns erschöpft.
Aus Perspektive der Paartherapie lohnt sich deshalb ein genauerer Blick: Was liegt unter dem Konflikt? Welches Bedürfnis ist gerade berührt? Wonach sehne ich mich? Wovor habe ich vielleicht Angst? Und was könnte hinter dem Verhalten meines Partners oder meiner Partnerin liegen?
Die Kunst besteht also nicht darin, Konflikte möglichst vollständig zu vermeiden. Vielmehr geht es darum, mit ihnen so umzugehen, dass wir uns selbst und den anderen dabei nicht aus dem Blick verlieren.
Dafür braucht es zunächst eine wohlwollende Haltung uns selbst gegenüber – und ein wenig Mut, die eigenen Bedürfnisse und Gefühle ernst zu nehmen. Und ebenso die Bereitschaft, dem anderen zuzugestehen, dass auch hinter seinem Verhalten ein Bedürfnis, eine Verletzlichkeit oder eine Sehnsucht stehen kann.
Unsere Haltung kann beeinflussen, ob ein Konflikt zu mehr Stress und Distanz führt – oder ob er zu einer Möglichkeit wird, uns selbst und einander besser zu verstehen.

Weniger zu streiten ist ein Ziel von vielen Paaren, die Umsetzung gelingt nicht immer
Weniger zu streiten ist oft ein gemeinsames Ziel von Beziehungspersonen.
Studien zeigen, dass viele Paare wissen, wie sie konstruktiv in Konfliktsituationen miteinander umgehen könnten. Ihnen ist eine wertschätzende Kommunikation wichtig und sie wollen einander mit unterschiedlichen Standpunkten akzeptieren.
Und gleichzeitig erleben viele Paare immer wieder, dass die Umsetzung nicht gelingt.
Denn unter Stress verlieren wir den Zugang zu den Kompetenzen, die es dafür braucht.
Alle Eltern kennen es: Nach einem emotionalen Tag mit den Kindern, nach einem herausfordernden Arbeitstag, nach einer durchwachten Nacht – und als Eltern gehört eine Kombination aus alledem häufig zum normalen Alltag – sind die eigenen Ressourcen aufgebraucht. Wir sind dann nicht mehr in unserem inneren Wohlfühlbereich, sondern stehen schon mit einem Bein auf der Treppe ins Dachgeschoss der Wut oder im Keller der Erschöpfung. Sind die Ressourcen beider Partner*innen aufgebraucht, verstärkt sich dieser Effekt.
In der Folge kann es passieren, dass wir – jeweils zum eigenen Schutz – einander kritisieren und ein „Ping Pong“ aus Vorwürfen und Rechtfertigungen spielen. Dies zeigt sich in unserer Mimik und Gestik, die auch die Kinder wahrnehmen – und die sie durchaus als verunsichernd erleben können.
Vielen Paaren hilft das Wissen über die neurobiologischen Prozesse, die während eines Streits ablaufen. Wenn wir verstehen, was in unserem Nervensystem während eines Streits passiert, haben wir eine bessere Chance, an diesem Kreislauf etwas zu verändern.
In Kinderbuch „Mona und die magische Gefühlsleiter“ beschreibe ich, was bei Stress in unserem Nervensystem passiert.
Mit diesem Wissen im Hintergrund können Paare an verschiedenen Punkten ansetzen. Nach meiner Definition ist „Streiten“ stressbedingtes Verhalten, bei dem häufig Verletzungen passieren. Streit ist meines Erachtens nach also nicht an sich, wie manchmal zu lesen ist, „beziehungsstärkend“ oder ein „wichtiger Bestandteil des Familienlebens“.
Das Konfliktverhalten der Eltern hat einen Einfluss auf die Kinder
Als Eltern dürfen wir immer wieder prüfen, wie es denn unseren Kindern mit unserem Verhalten als Paar geht. Denn wir sind wichtige Modelle für unsere Kinder und der Umgang miteinander beeinflusst mit, wie wohl und sicher sich unsere Kinder zu Hause fühlen. Im besten Fall schauen sie sich wertvolle Strategien zur Konfliktbewältigung von uns ab. Wenn Kinder erleben, wie wir selbstfürsorglich mit unserem Stress umgehen und als Paar auch in schwierigen Momenten wieder zueinanderfinden, lernen sie etwas Wichtiges: Konflikte gehören zum Leben – und Beziehungen können daran wachsen. Auch wenn wir das nicht von Anfang an perfekt können.
Wenn wir dauerhaft viel und verletzend streiten, kann dies die Beziehung zu unseren Kindern belasten. Denn Streiten bindet unsere Kapazitäten. Wir sind mit unseren eigenen Gedanken, Gefühlen und vielleicht auch Verletzungen beschäftigt und können uns weniger auf die Kinder einlassen. Wir fragen vielleicht weniger nach, was die Kinder erlebt haben und verlieren den Blick dafür, was sie gerade begeistert oder brauchen.
Das kann für Kinder, je jünger sie sind umso mehr, zum Problem werden, weil sie feinfühlige Erwachsene brauchen.
Häufig beschäftigen sich auch die Kinder gedanklich und emotional mit dem Streit der Eltern, den sie miterleben. Insbesondere, wenn Eltern wegen der Kinder streiten.
Studien zeigen, dass Fragen, die die Kinder betreffen, zu den häufigsten Streitthemen von Elternpaaren gehören. Hier sollten wir beachten, dass Kinder Gefühle von Traurigkeit, Angst oder Schuld entwickeln können und bei der Bewältigung großer Gefühle die Unterstützung von uns als Eltern brauchen.
Meine Erkenntnisse aus Forschung und Praxis versuche ich stets so zu beschreiben, dass Eltern einerseits (wieder) dahinkommen, Verantwortung für das Klima zu Hause zu übernehmen. Und gleichzeitig ermutige ich Eltern darin, sich von dieser Verantwortung nicht daran hindern zu lassen, sich selbst „Fehler“ auf ihrem Weg zuzugestehen – und das bedeutet eben auch, dass Eltern manchmal streiten, auch wenn sie Konflikte eigentlich in friedvoller Weise miteinander lösen wollen.
Als Eltern können wir durch unser Verhalten vor und nach einem Streit die möglichen negativen Konsequenzen für die Kinder abfedern.
Nach einem Streit kann es für Kinder einen Unterschied machen, ob und wie wir mit ihnen über den Streit sprechen.
Einigen Mamas und Papas hilft es, wenn sie Geschichten nutzen, um Worte zu finden. Ich habe eine kurze Geschichte entwickelt, die ihr euren Kindern vorlesen oder erzählen könnt. Die Geschichte „Wunderwolken für wichtige Aufgaben“ findet ihr nachfolgend.
Wunderwolken für wichtige Aufgaben – Eine Geschichte, die Kindern erklärt, warum Eltern streiten
Die Die folgende Geschichte könnt ihr nutzen, um mit euren Kindern nach einem Streit darüber zu sprechen, wie ein Streit entstehen kann – und was dabei in Mama und Papa passieren kann.
Ein Hinweis für euch als Eltern: Es gibt viele verschiedene Gründe, warum Eltern miteinander streiten. In dieser Geschichte geht es um einen besonderen Zustand, den unser Körper unter Stress manchmal einnimmt. Wenn wir sehr angespannt oder belastet sind, kann es passieren, dass wir Stimmen schlechter wahrnehmen und weniger gut aufnehmen können, was der andere uns sagen möchte. Unser Körper versucht dann, uns dabei zu helfen, mit einer herausfordernden Situation zurechtzukommen. Das kann sinnvoll sein – führt zwischen Menschen aber manchmal zu Missverständnissen.
Die Wunderwolken
Über unseren Köpfen schweben Wunderwolken. Sie sind unsichtbar. Wenn wir sie sehen könnten, wären sie vielleicht weiß und flauschig, wie ein Knäuel Baumwollwatte, ungefähr so groß wie unsere Hände. Vielleicht sehen sie für dich aber auch ganz anders aus – so wie die Wolken, die du am Himmel entdecken kannst.
Manchmal gibt es wichtige Dinge zu tun. Vielleicht sogar ganz viele auf einmal. Und manchmal denken wir Eltern dann: Das schaffe ich vielleicht nicht!
Dann kommen die Wunderwolken. Sie setzen sich auf unsere Ohren und helfen uns dabei, ganz bei unserer wichtigen Aufgabe zu bleiben. Sie sorgen dafür, dass wir möglichst viel Energie und Aufmerksamkeit für das haben, was gerade erledigt werden muss.
Das kann eine gute Sache sein. Nur gibt es ein kleines Problem: Wenn die Wunderwolken auf unseren Ohren sitzen, können wir die Stimmen anderer Menschen schlechter hören.
Und weil andere Menschen die Wunderwolken nicht sehen können, entstehen manchmal Missverständnisse. Wenn zum Beispiel die Wunderwolken auf Mamas Ohren sitzen und Papa etwas fragt, hört Mama ihn vielleicht gar nicht richtig. Papa weiß aber nichts von den Wunderwolken. Er denkt vielleicht: „Mama hört mir überhaupt nicht zu. Ich bin ihr wohl gerade nicht wichtig.“ Oder die Wunderwolken sitzen auf Papas Ohren und Mama bittet ihn um Hilfe. Papa bekommt gar nicht richtig mit, was Mama braucht. Mama weiß nichts von den Wunderwolken und denkt vielleicht: „Papa will mir nicht helfen. Ich kann mich nicht auf ihn verlassen.“
Und plötzlich sind beide sauer. Mama wird lauter. Papa wird lauter. Einer beschwert sich, der andere verteidigt sich. Vielleicht zieht sich einer zurück und der andere versucht noch mehr, gehört zu werden.
Dabei haben beide Wunderwolken auf den Ohren.
Und so reden Mama und Papa manchmal eine ganze Weile miteinander, ohne sich wirklich zu hören. Sie sind in einem Streit-Kreislauf gelandet, in dem beide gerade nicht mehr gut erreichen können, was ihnen eigentlich wichtig ist.
Zum Glück können Mama und Papa lernen, ihre Wunderwolken zu erkennen. Sie können irgendwann merken: „Oh. Da sind sie wieder. Meine Wunderwolken.“ Dann können sie vielleicht erst einmal durchatmen. Eine kleine Pause machen. Und wenn es wieder möglich ist, einander anschauen und sagen: „Ich glaube, gerade können wir uns gar nicht richtig hören.“
Und manchmal hilft dann eine Umarmung. Denn wenn Mama und Papa wieder ruhiger werden, können die Wunderwolken langsam weiterziehen. Und dann können die Ohren wieder frei werden. Für die Stimme des anderen. Für das Zuhören. Und für das Liebhaben.
Für Paare, die ihr Streitmuster besser verstehen möchten und neugierig darauf sind, was dabei in ihnen und zwischen ihnen passiert, habe ich in meinem Wegweiser einige Anregungen und konkrete Impulse für den Alltag zusammengestellt:
Wegweiser
Weniger Streit und mehr Verbindung im Familienalltag
Viele Paare verlieren sich nicht, weil sie sich weniger lieben – sondern weil unter Stress Muster entstehen, die Nähe erschweren. Mein Wegweiser (ehemals Checkliste) für erste Schritte in Richtung Klarheit, Entlastung und Verbindung. Für 0 € erhalten


