Perfektionismus von Eltern – was Kinder von Eltern lernen können, die scheitern

Ich bin Julia Schneider, Psychologin und Paartherapeutin für Eltern in herausfordernden Zeiten. Hier geht es darum, wie Beziehungen zu einem sicheren Zuhause für Paare und ihre Kinder werden können. Mehr über mich.

Perfektionismus: Unsere eigenen Ansprüche als Eltern

Die meisten von uns haben hohen Ansprüche an sich selbst. Wir möchten gute Eltern sein – und manchmal wird aus diesem liebevollen Wunsch ein Druck, alles richtig machen zu müssen.

Die meisten Elternpaare versuchen, Beruf, Haushalt, gesunde Ernährung, Bewegung, Freundschaften, Partnerschaft und die eigenen Bedürfnisse miteinander zu verbinden. In meiner meiner Praxis für Paartherapie erlebe ich häufig, wie erschöpfend dieser tägliche Spagat sein kann (ich habe in einem Blogartikel über Hilfsangebote für erschöpfte Eltern ausführlicher über diesen Dauerspagat geschrieben).

Dabei übersehen wir manchmal, dass es kaum möglich ist, all diesen Bereichen gleichzeitig und ohne Unterstützung so gerecht zu werden, wie wir es uns wünschen. Neben gesellschaftlichen Rahmenbedingungen spielen dabei auch unsere eigenen perfektionistischen Ansprüche eine Rolle.

Den gesellschaftlichen Rahmen können wir nicht von heute auf morgen verändern. Aber wir können unsere Haltung verändern und genau darin liegt unser Gestaltungsspielraum.

Was ist Perfektionismus? Und was sind eigentlich „Fehler“?

In der Psychologie gibt es verschiedene Definitionen von Perfektionismus. In meiner Arbeit mit Elternpaaren hat sich im Laufe der Jahre eine Beschreibung herausgebildet, die mir besonders hilfreich erscheint.

Ich verstehe Perfektionismus als eine Haltung, die Fehler – und die Gefühle, die sie auslösen – nicht willkommen heißt.

Dabei lohnt es sich, genauer hinzuschauen, was wir überhaupt einen Fehler nennen.

Manchmal meinen wir damit ein Missgeschick oder eine Handlung, die nicht zum gewünschten Ergebnis geführt hat. Die Marmelade landet auf der Arbeitsplatte statt im Glas. Das passiert. Uns allen. Immer wieder. Weil wir Menschen sind.

Manchmal sprechen wir aber auch von einem „Fehler“, obwohl wir eigentlich eine Eigenschaft meinen, an uns selbst oder an einem anderen Menschen. Dann wünschen wir uns, jemand wäre anders: geduldiger, organisierter, mutiger, ruhiger, spontaner oder weniger feinfühlig.

Doch Eigenschaften sind keine Missgeschicke. Sie gehören zu unserer Persönlichkeit. Manche von ihnen bringen uns leicht durchs Leben, andere fordern uns heraus. Wenn wir beginnen, gegen diese Seiten anzukämpfen, statt sie zu verstehen und einen guten Umgang mit ihnen zu finden, entsteht oft Leid.

Das erlebe ich auch in Familien. Ein lebhaftes Kind soll ruhiger sein. Ein introvertiertes Kind mutiger werden. Ein Elternteil wünscht sich, nicht mehr so empfindsam zu sein, der andere nicht mehr so chaotisch. Dahinter steckt häufig der Wunsch, dass bestimmte Seiten gar nicht da sein sollten.

Vielleicht ist genau das der Kern von Perfektionismus: der Wunsch, keine Ecken und Kanten mehr zu haben.

Und genau dort verlieren wir häufig den liebevollen Blick auf uns selbst, und auf die Menschen, die wir am meisten lieben.

Vielleicht ist es deshalb hilfreich, das Wort Fehler für einen Moment anders zu betrachten. Denn viele der wichtigsten Entwicklungsschritte in unserem Leben beginnen genau dort, wo etwas nicht nach Plan läuft.

Ein Kind lernt laufen, indem es immer wieder hinfällt. Es lernt sprechen, indem es Wörter verdreht. Beziehungen wachsen nicht dadurch, dass nie etwas schiefgeht. Sie wachsen dadurch, dass Menschen nach einem Missverständnis wieder aufeinander zugehen.

Fehler sind der Motor von Entwicklung. Sie zeigen uns, wo wir Neues ausprobieren, unsere Komfortzone verlassen oder etwas lernen dürfen. Nicht der Fehler entscheidet darüber, wie sich eine Familie entwickelt. Sondern die Art, wie wir ihm begegnen.

Fehler können Beziehungen stärken

Perfektionimus begegnet mir immer wieder in der Paartherapie mit Eltern.

Nur sprechen Paare dort selten über Perfektionismus. Sie sprechen über den Streit vom Morgen. Darüber, wer schon wieder alles alleine gemacht hat. Über verletzende Sätze, die eigentlich nie gesagt werden sollten. Über Schuldgefühle. Über das Gefühl, den anderen ständig zu enttäuschen.

Hinter all dem steckt oft dieselbe Angst: Ich genüge nicht.

Viele Eltern glauben, ihre Beziehung würde daran scheitern, dass sie zu viele Fehler machen. Tatsächlich leidet eine Partnerschaft viel häufiger darunter, dass Fehler keinen sicheren Platz haben dürfen. Dass niemand sich traut zu sagen: „Es tut mir leid.“ Oder: „Ich war heute einfach überfordert.“

Sichere Bindung entsteht nicht trotz unserer Fehler, sondern oft gerade durch sie.

Nicht weil Fehler schön wären. Sondern weil sie uns die Möglichkeit schenken, einander so zu begegnen, wie wir wirklich sind: verletzlich, unvollkommen und aufeinander angewiesen. Wenn wir nach einem Missgeschick wieder aufeinander zugehen, Verantwortung übernehmen, Trost schenken oder Vergebung erleben, geschieht etwas, das Perfektion niemals hervorbringen könnte: echte Verbundenheit.

Psychologische Perfektionismusforschung: Von wem erwarten wir perfekt zu sein?

Ich habe bereits einen Punkt am Rande erwähnt, den ich noch nicht ausdrücklich benannt habe: die Frage, wem wir eigentlich keine Fehler zugestehen.

Uns selbst? Unseren Kindern? Unserem Partner oder unserer Partnerin? Vielleicht sogar niemandem?

Das Perfektionismus-Modell von Hewitt und Flett zieht beschäftigt sich damit, an wen sich der eigne Perfektionismus richtet bzw. orientiert. Es gibt noch einige weitere und auch neuere wissenschaftlich untersuchte Modelle, die den Perfektionismus in verschiedene einteilen und beschreiben (z.B. von Frost & Marten DiBartolo, 2002).

In der Paartherapie für Eltern frage ich: wo sind die Bereiche, über die eine Person oder eine Familie stolpert hinsichtlich der Ansprüche. Wo hat jemand Angst, sich zu zeigen, aus Angst für die eigenen Macken abgewertet zu werden. Wo schämt sich jemand? Wo führen die eigenen Ansprüche zu Kummer? Und da braucht es den individuellen Blick. Gleichzeitig denke ich, dass wir verallgemeinernd festhalten können, dass wir alle perfektionistische Anteile haben. Und ich glaube, was wir nicht gebrauchen können, ist, dass wir gegen diese Anteile kämpfen. Das wäre ja das Gegenteil einer gelassenen Haltung und selbst wieder eine Facette des Perfektionismus. 

Stattdessen dürfen wir unsere perfektionistischen Seiten liebevoll in den Arm nehmen und ihnen sagen: „Macht euch keine Sorgen, ihr dürft bleiben. Ich schätze sehr, dass ihr mich darauf hinweist, dass mir manche Dinge sehr wichtig sind!“ – mit dem Wissen, dass wir nicht alles tun müssen, was unser Perfektionismus uns „befiehlt“.

Ein Kinderbuch über Perfektionismus, Scheitern und eine starke Fehlerkultur

Ein Gefühl, das eine besondere Rolle spielt, ist Scham.

Viele Eltern rutschen in einen Schamstrudel, wenn sie denken (!), etwas falsch gemacht zu haben – oder falsch zu sein.

Eltern beschreiben es häufig so: „Ich fühle mich dann klein und wertlos“ oder „ich möchte mich dann am liebsten verstecken und aus meinem Versteck nie mehr rauskommen!“

Für die eigenen Kinder wünschen es sich viele Eltern anders: sie sollen sich ausprobieren dürfen, dabei auch stolpern und scheitern und unbefangen aus ihren Fehlern lernen dürfen. Kinder brauchen Vorbilder, die ihnen zeigen, wie das gehen könnte.

Die Figuren Mia und Mama, aus meinem psychologischen Kinderbuch „Mia und Mama machen Marmelade – ein Rezept für einen liebevollen Umgang mit Missgeschicken und Macken“ machen es vor! Mia und Mama haben etwas, was ich eine „starke Fehlerkultur“ nennen. Sie sind mutig und probieren Neues aus. Sie wagen es, Erdbeermarmelade selber zu machen, wenngleich sie damit noch keine Erfahrungen haben und ihre Kekse schrecklich schmecken. Sie trauen sich, andere Menschen um Rat zu fragen, wenn sie nicht weiterwissen. Und sie haben Ideen, was sie tun können, wenn etwas nicht nach Plan gelaufen ist.

Was Kinder von unperfekten Eltern lernen können

Manchmal frage ich mich, woran sich unsere Kinder später erinnern werden.

Manchmal frage ich mich, woran sich unsere Kinder später erinnern werden. Vermutlich nicht daran, ob die Marmeladengläser sauber befüllt waren. Nicht daran, ob das Abendessen immer gesund war oder das Wohnzimmer aufgeräumt.

Vielleicht erinnern sie sich vielmehr daran, dass gelacht wurde, als etwas daneben ging. Dass ihre Eltern sich entschuldigen konnten. Dass niemand perfekt sein musste, um geliebt zu werden.

Ich glaube, genau das ist eine der wertvollsten Erfahrungen, die wir unseren Kindern mitgeben können.

Mia und Mama machen MarmeladeEin Rezept für einen liebevollen Umgang mit Missgeschicken und Macken

Illustriert von Anna Lisicki-Hehn

Mia und Mama wollen Marmelade kochen – so wie Opa letzten Sonntag. Was, wenn etwas schief geht? Denn Mama nimmt es mit dem Kochen meist nicht so genau. Während Opa genaue Vorstellungen davon hat, wie die Marmelade werden sollte.

Mia und Mama helfen Erwachsenen dabei, mit Kindern über „Fehler“ zu sprechen. Sie zeigen kleinen und großen Leser*innen ihr Rezept für einen liebevollen Umgang mit Missgeschicken und Macken. Der psychologische Fachteil im Anschluss an die Geschichte greift das Thema „Perfektionismus“ auf und benennt Merkmale einer starken Fehlerkultur.Dieses Buch vermittelt die Botschaft: „Fehler gehören zum Leben – genauso wie die Erdbeeren zum Sommer.“

Literaturhinweise zu diesem Blogartikel:

Spitzer, N. (2016). Perfektionismus und seine vielfältigen psychischen Folgen: Ein Leitfaden für Psychotherapie und Beratung. Springer-Verlag.

Hewitt, P. L. & Flett, G. L. (1991). Perfectionism in the self and social contexts: conceptualization, assessment, and association with psychopathology. Journal of Personality and Social Psychology, 60(3), 456-470. doi: 10.1037/0022- 3514.60.3.456